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Die grundsätzlich sehr zu begrüßende Offenheit der Fitnessszene gegenüber neuen Trainingsmethoden wird leider oft von einer überdurchschnittlichen kommerziellen Oberflächlichkeit überschattet. Lagen gestern noch Kettlebells mit gelber Vinylbeschichtung im Trend, sind es heute die mit grüner Neoprenbeschichtung. Diese zwanghafte Suche nach neuen Trends lässt viele bewährte Trainingskonzepte ein absolutes Nischendasein fristen: So auch das Training mit Schwungkeulen. Als ich die ersten Recherchen zum "Light Indian Club Swinging" machte, half mir das Internet nur bedingt weiter. Und so tauchte ich ab in die deutsch- und englischsprachige Turnliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts. Jahre später muss ich sagen, dass sich der Aufwand mehr als gelohnt hat, denn mit dem Keulenschwingen eröffnete sich für mich ein in unseren Breitengraden fast schon vergessenes Feld der Bewegungskultur mit überaus lohneswerten Inhalten im Hinblick auf Prävention und Rehabilitation von Nacken- und Schulterbeschwerden. Doch nicht nur das, denn das Schwingen von Turnkeulen entpuppte sich auch als nutzbringendes Bewegungswerkzeug für das klassische Fitnesstraining und ergänzte das Training der Kampfkünste und auch das der Wurf- und Schlagsportarten. Im Hinblick auf den präventiven Aspekt für Schulter und Nacken bereichert das Training mit leichten Indian Clubs, richtig angewandt, außerdem die Betriebliche Gesundheitsförderung.
– Thomas
Mit dem aufrechten Gang unserer Vorfahren konnten sich Arme und Hände schrittweise einer neuen Aufgabe als der Fortbewegung widmen: Sie entwickelten sich zu einem perfekten Vielzweckwerkzeug, das sanft streicheln und fest zupacken, Waffen für die Jagd herstellen und benutzen konnte, sowie ein Feuer für die Nahrungszubereitung gekonnt entzündete. Heutzutage benutzen wir unsere Hände tagtäglich filigran und selbstverständlich und Prozesse wie das Tippen auf der Computertastatur oder das Schreiben einer To-do-Liste mit dem Kugelschreiber geschehen ganz natürlich. Aber auch bei komplexeren Prozessen wie bei Operationen, dem kleinteiligen Herstellen mechanischer Uhrwerke oder dem virtuosen Spiel von Musikinstrumenten, kommen unsere Hände zum Einsatz. Bewusst wird uns die Bedeutung dieser Bewegungen oft erst, wenn etwas schmerzt oder Tätigkeiten nicht mehr problemlos ausgeführt werden können.
Unsere Hände sind ein ausgeklügeltes System aus jeweils 27 Knochen, 36 Gelenken, 39 Muskeln sowie zahlreichen Bändern und Sehnen. Ihr volles Potenzial können unsere Hände jedoch nur gemeinsam mit dem Schultergürtel entfalten. Dieser verantwortet die Kraftübertragung vom Rumpf auf den Arm und vice versa. Unter anderem können Hand und Handgelenk selbstständig nur minimale Drehungen ausführen. Drehungen der Hand kommen somit größtenteils im Zusammenspiel mit Schulter und Arm zustande.
Um dem Stellenwert der Hände Rechnung zu tragen und ihren Aktionsradius so groß wie möglich halten zu können, traten Skelettanteile und straffe Bandsicherungen bei der Konstruktion von Schulter und Schultergürtel in den Hintergrund. Ein 17 Muskeln umfassender Muskelmantel, der teilweise auf den Rumpf übergreift und Ansätze am Kopf besitzt, umhüllt die komplette Schulterregion und sorgt damit für einen großen Bewegungsspielraum, Handlungsvielfalt und Stabilität.
Unser heutiges Bewegungsverhalten wird oft jedoch weder den Freiheitsgraden, sprich den Bewegungsmöglichkeiten, von Schulter und Schultergürtel gerecht, noch fördert und fordert es die Muskulatur rund um diese Region vollumfänglich in allen Bewegungswinkeln. Die Folgen können Einschränkungen in der Beweglichkeit, Verspannungen, der Abbau von Muskulatur und der Verlust von Stabilität sein.
Turnkeulen, auch Schwungkeulen oder Indian Clubs (Indische Keulen) genannt, setzen genau hier an, denn mit ihrer Hilfe kann der Bewegungsspielraum von Schulter und Schultergürtel – im Vergleich zu vielen anderen Trainingsgeräten – sehr umfangreich genutzt und trainiert werden.
Im Gegensatz zum oft geradlinigen und geführten Training an Geräten im Fitnessstudio kommen beim Keulenschwingen außerdem Pendelbewegungen und geschwungene Kreise zum Einsatz, die nicht nur kräftigend wirken, sondern auch die Qualität von Bewegungen im Hinblick auf das Zusammenspiel von Gelenken und Muskeln verbessern und somit geschmeidige Bewegungsabläufe fördern.
Statt der beim klassischen Krafttraining vorherrschenden Kompression von Gelenken werden die Schulter- und Armgelenke beim Schwingen von Turnkeulen ähnlich einer Traktionsbehandlung in der Manuellen Therapie entlastet und wohltuend „auseinandergezogen“. Im Gegensatz zu einer therapeutischen Anwendung, verrichten die Muskeln beim Schwungkeulentraining jedoch Arbeit. In den Trainingswissenschaften spricht man von einer exzentrischen Belastung. Ansatz und Ursprung des Muskels entfernen sich voneinander, während der Muskel versucht, die Bewegung abzubremsen. Ein klassisches Beispiel für eine exzentrische Muskelanspannung ist die Körperstreckung nach einem erfolgten Klimmzug.
Ob man beim Keulenschwingen eine oder zwei Turnkeulen verwendet, ist eine Frage der Zielsetzung: Bei Übungen mit einer einzelnen Schwungkeule (Single Club Swinging) kann man sich optimal auf das Training der jeweiligen Extremität konzentrieren. Mit zwei Schwungkeulen hingegen tritt vor allem das Thema Koordination in den Vordergrund. Bei beidseitig symmetrischen Schwüngen kommt außerdem auch der Aspekt „mehr Anstrengung“ zum Tragen.
Das Keulenschwingen ist somit nicht nur eine optimale Ergänzung zum klassischen Fitness- und Krafttraining, sondern eignet sich gerade bei beruflich bedingten Beschwerden von Schultergürtel und Schulter, aber auch von Arm, Ellenbogen und Handgelenk, als abwechslungsreiches und hilfreiches Bewegungsprogramm. Auch Sportler aller Leistungsklassen können durch das Training mit Turnkeulen profitieren, wobei hier vor allem Wurf- und Schlagsportarten (z.B. Handball oder Tennis) sowie die Kampfkünste im Hinblick auf den Bereich Griffkraft zu nennen wären. Durch die optionalen Rotationsbewegungen des Rumpfes kann das Keulenschwingen auch bei Rückenbeschwerden nutzbringend sein.
Die Ursprünge des Keulenschwingens sind vor allem in Indien und Persien, das heißt im heutigen Iran, zu finden. In Indien lässt sich das Keulenschwingen mit „Jori“ (einem Paar) oder „Gada“ (einer Keule) bis zu den Kriegen des vedischen Zeitalters (1500 bis 500 v. Chr.) zurückverfolgen. Es entspringt den ältesten indischen Religionen, wurde jedoch unter anderem auch zu militärischen Zwecken eingesetzt. Military Regulation Clubs (frei übersetzt „militärisch verordnete Keulen“) wurden Ende des 19. Jahrhunderts außerdem als äußerst grausame Trainings- und Disziplinierungsmaßnahme bei der Indischen Armee unter der Leitung britischer Offiziere eingesetzt.
Die im Vergleich zu persischen Meels eher längeren und schmaleren Jori sind ein wichtiger Teil des traditionellen Trainingsprogramms indischer Kushti-Ringer, die in so genannten Akharas trainierten. Durch die konische Form der Jori befindet sich das meiste Gewicht weit vom Griff entfernt, was ihr Schwungverhalten „aggressiver“ und die Keule damit schwerer beherrschbar macht. Indische Jori werden aus Holz gefertigt, mit einem Gewicht von zwei bis 20 Kilo pro Stück, oft auch schwerer. Sie stehen für ein ganzkörperorientiertes Krafttraining mit technisch eher einfachen, dafür aber kraftbetonten Schwungübungen mit ein bis zwei Keulen.
Die indische Gada, als traditionelle Waffe der Hindu-Gottheit Hanuman, ist meist eine an einem Bambusstab befestigte runde Gewichtskugel. Hanuman wird für seine Stärke gefeiert und traditionell von Ringern auf dem indischen Subkontinent und in Südostasien verehrt. Durch den leichten, langen Bambusstab und dem lediglich am Ende befindlichen oft schweren Gewicht, sind Gadas noch „aggressiver“ in ihrem Schwungverhalten. Das Training mit Gadas ist ebenfalls ganzkörper- und kraftbetont und kann sowohl mit einer als auch mit beiden Händen ausgeführt werden.
In Persien sind Schwungkeulen als „Meels“ (oder „Mils“) bekannt und sie sind in der Regel größer als die heute typischen Turnkeulen. Die Gewichtsangaben für Meels variieren je nach Quelle stark: Sie reichen von zwei bis sieben Kilo pro Stück bei leichten Keulen, schwere Meels werden mit vier bis 27 Kilo pro Stück angegeben.
Persische Meels symbolisieren Streitkolben aus Kriegszeiten und wurden damals schon von Kriegern verwendet, um sich auf das Schlachtfeld vorzubereiten. Pehlwani-Ringer nutzen sie als Trainingsgerät zum Kraftaufbau. Sie bereiteten sich damit auf ihre Wettkämpfe vor und nutzten die Keulen zur Verbesserung ihrer Kraft, Geschicklichkeit und Flexibilität.
Meels wurden im 13. Jahrhundert während der Besetzung durch die Mongolen entwickelt. In dieser Zeit durften die Perser keine Waffen tragen und so wurden unter dem Deckmantel von Sportarenen Trainingsräume geschaffen, die als „Zurkhaneh“ (Häuser der Stärke) bekannt waren. Das Meel-Schwingen ist, auch wenn es noch sechs weitere Trainingsdisziplinen in den Zurkhanehs gab, heute die Disziplin, die den Zurkhaneh-Sport am meisten repräsentiert.
Im Westen tauchten Indian Clubs das erste Mal um das Jahr 1630 in einem englischen Text von Peter Mundy, einem britischen Kaufmann, Reisenden und Schriftsteller, auf. Anfang des 19. Jahrhunderts brachten britische Soldaten, die in Indien stationiert waren, diese Trainingsform dann nach England und nannten sie „Indian Club Swinging“ (das Schwingen von indischen Keulen).
Als die Briten im neunzehnten Jahrhundert das Konzept von Keulen als Trainingsgerät übernahmen, passten sie Form und Gewicht ihren Vorstellungen an, sodass diese nur noch wenig Ähnlichkeit mit ihren traditionellen Gegenstücken hatten. Während die ursprünglichen indischen Keulen bis zu 30 Kilo schwer waren, wogen die empfohlenen und von der britischen Armee übernommenen Keulen nur knapp zwei Kilo. Sie wurden zur Verbesserung von Beweglichkeit, Agilität, Körperhaltung, Rhythmus und Griffstärke entwickelt und haben somit einen etwas anderen Trainingsfokus als persische Meels oder indische Joris.
Mitte des 19. Jahrhunderts brachten Turner das Keulenschwingen aus dem viktorianischen England nach Deutschland. Hier wurde es 1846 zum ersten Mal schriftlich erwähnt. 1878 erschien dann das erste Werk in deutscher Sprache, das sich ausschließlich mit dem Turnkeulentraining auseinandersetzte.
Das Keulenschwingen wurde so beliebt, dass es 1904 sowie 1932 sogar offizieller Teil der Olympischen Spiele war und in weiten Teilen Europas zu einem gebräuchlichen Trainingsgerät für Männer, Frauen und Kinder wurde.
Neue Trainingstrends sowie das Aufkommen des organisierten kompetitiven Wettkampfsports in Europa und den USA ließen das Keulenschwingen jedoch für viele Jahre fast vollständig von der Bildfläche verschwinden.
Die modernen hölzernen Indian Clubs haben auch stählerne Vertreter. Diese Metallkeulen kennt man unter dem Begriff Clubbell (Keulenhantel) und sie orientiert sich sprachlich am englischen Begriff für die klassische Kurzhantel (Dumbbell). Von der Form her eine Keule, sind Clubbells im Vergleich zu hölzernen Schwungkeulen jedoch sehr viel träger in ihrem Schwungverhalten, völlig anders in der Gewichtsverteilung und werden im Training daher gänzlich anders eingesetzt.
In den USA ist die klassische Gada heute als Mace (Zepter, Streitkolben oder Keule) bekannt. Auch hier gibt es moderne Varianten dieses traditionellen Trainingsgerätes: Zum einen findet man die Steel Macebell, eine Gada komplett aus Metall, zum anderen die Flowmace, eine Gada-Variante mit leichter Holzkugel, bei deren Training geschmeidige Ganzkörperbewegungen und Gada-Schwünge zu einem Bewegungsfluss aneinandergereiht werden.
Bevor das Keulenschwingen von der Bildfläche verschwand, war es über die Jahrhunderte hinweg in verschiedenen Regionen und Kulturen beliebt. Als archaisches Trainingsgerät für kriegerische Auseinandersetzungen entwickelt, liefert es uns jedoch auch in der heutigen Zeit, als Gegenstück moderner Arbeits- und Lebensbedingungen, solide Trainingsreize. Mit diesem Wissen im Hinterkopf, sind moderne Turnkeulen oder ihre traditionellen Vorgänger wie ein lange vergessenes und nun wiederentdecktes Bewegungswerkzeug in einem Werkzeugkasten, das klassische Bewegungswerkzeuge wie Krafttraining an Geräten oder Hanteln aber auch viele andere Trainingsmethoden gut ergänzen kann. Durch die Pendelbewegungen und geschwungenen Kreise wird der Bewegungsspielraum von Schulter und Schultergürtel umfangreich genutzt und trainiert, womit sich verspannten Nackenmuskeln und von Bewegungseinschränkungen und Kraftlosigkeit betroffenen Schultern eine neue nutzbringende Trainingsform bietet.
Im zweiten Teil des Blogbeitrags werden wir deshalb noch konkreter auf die Vorteile des Keulenschwingens eingehen und zeigen, wie die Turnkeule in der Betrieblichen Gesundheitsförderung und präventiv sowie rehabilitativ bei Schulterbeschwerden zum Einsatz kommen kann. Außerdem zeigen wir, wieso Keulenschwingen die perfekte Ergänzung für das sportartspezifische Training von Schlag- und Wurfsportarten ist und haben natürlich auch ein paar Tipps und Übungen parat, mit denen das Training mit Schwungkeulen gestartet werden kann.
– Thomas
Seit 2020 entwickeln wir hölzerne Schwungkeulen und lassen diese von einem regionalen Partner in Handarbeit fertigen. Derzeit fertigen wir Indian Clubs mit 500 und 800 Gramm Gewicht pro Keule, leichte indische Gadas aus Holz und Bambus, persische Meels mit etwa 2000, 4500 und 7000 Gramm pro Stück sowie hölzerne Turnkeulengriffe mit Adapter zum aufschrauben auf klassische PET-Flaschen für das Training unterwegs. Die Produkte fertigen wir bisher nur auf Bestellung. Unser Online-Shop ist in Planung.
Unsere Schwungkeulen nutzen wir sowohl im Personal Training mit unseren Klientinnen und Klienten als auch in Rahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung für unseren Workshop "Die Renaissance des Keulenschwingens. Kraftvolle Schulter- und entspannte Nackenmuskulatur durch Turnkeulentraining". Dabei eignet sich der Workshop sowohl für Berufe mit hauptsächlich sitzender Tätigkeit, als auch bei wiederkehrenden einseitigen Schulter-Arm-Belastungen wie es beispielsweise oft bei Handwerksbetrieben der Fall ist.
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